[Rezension] Il fumo di Birkenau // Der Rauch über Birkenau

Il fumo di Birkenau (Der Rauch über Birkenau)
von
Liana Millu

Wie bin ich zu diesem Buch gekommen?

Vor Weihnachten waren meine Mutter und ich in München. Zu der Gelegenheit haben wir die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht. Nach dem Rundgang über das Gelände sind wir noch in den Bücherladen der Gedenkstätte gegangen. Dort habe ich gezielt nach italienischen Büchern gefragt und ich bin fündig geworden. Ich habe mich bewusst für das Werk einer Italienerin entschieden, weil ich mich mit einer anderen europäischen Perspektive auseinandersetzen wollte. Doch ausschlaggebend für meine Wahl war nicht nur das, sondern auch, dass es von einer Frau geschrieben wurde, die über Frauen, genauer über das Leben der Frauen, im KZ Auschwitz-Birkenau schreibt. Als Frau fühlt man sich besonders angesprochen.

Das Buch

Titel: Il fumo di Birkenau
Deutsche Titel: Der Rauch über Birkenau
Autorin: Liana Millu
Verlag: La Giuntina, Firenze
Seitenzahl: 165
ISBN: 88-85943-28-4
Zur italienischen Verlagsseite
Das Buch gibt es auch auf Deutsch: Der Rauch über Birkenau

Inhalt

Das Buch teilt sich auf in 6 Kapitel. In jedem Kapitel steht das Schicksal einer Frau, einer Leidensgenossin von Liana Millu im Vordergrund. Doch im Hintergrund befinden sich noch viele weitere Personen, deren Leben und Leiden mit jeder dieser Frauen verbunden sind und sie beeinflussen, allen voran Liana Millu. Die Autorin schreibt aus der Ich-Perspektive und bringt so auch ihre persönliche Sicht auf die Geschehnisse mit ein. Das erste der sechs Kapitel erzählt von Lily, von der Liebe und der Eifersucht im Lager, sowie vom Tod. Auch die Geschichte von Maria, einer Schwangeren, erzählt von Mutterliebe, Hoffnung und Tod. Bruna ist Mutter von ganzem Herzen und versucht auch im Lager den Kontakt zu ihrem Sohn Pipin zu halten. Zanuchkas Geschichte erzählt von der verlorenen Liebe, von Flucht und von Hoffnung. Die Geschichte der Schwestern, Lotti und Gustine, handelt von Prostitution und der zwischenmenschlichen Beziehung von zwei Schwestern, die an dem harten Lagerleben zerbricht. Die letzte Geschichte erzählt von Lises Schicksal, ihrer Zerrissenheit zwischen Überleben und Treue, dem Überlebenskampf und der Zweck-liebe im Lager. Die Hauptthemen, die einem während der Lektüre immer wieder begegnen sind Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen oder das, was von ihnen übrig geblieben ist; der Überlebenswille, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und der allgegenwärtige Tod. Letzterer begegnet uns schon im Titel: Il fumo di Birkenau (Der Rauch über Birkenau). Eine klare Anspielung auf die Krematorien und darauf, dass es sich beim Lager Auschwitz-Birkenau um ein Vernichtungslager handelte. Auch die harten und körperlichen Arbeiten und Bestrafungen, die die Frauen bewältigen müssen und erleiden, spielen stets eine wichtige Rolle.

Bewertung

Liana Millu ermöglicht dem Leser einen harten aber ehrlichen Einblick in das Lagerleben und in die Dynamiken, die dort herrschen. Sie eröffnet dem Leser die Abgründe, die sich in einem Menschen bilden können, wenn er alltäglich mit Leid, Tod und einem bedingungslosen Überlebenskampf konfrontiert wird. Sie beschönigt nicht(s). Die Autorin und ihre Geschichte haben mich zutiefst berührt, denn als Frau fühle ich mich mit der Autorin und den Protagonistinnen verbunden. Berührt haben mich die Geschichten allesamt, doch die Erzählung von Maria, von Bruna und ihrem Sohn Pinin und von den zwei Schwestern, Lotti und Gustine, haben mich im Inneren erschüttert. Vor allem die Geschichte von Bruna und ihrem Sohn, haben mich zu Tränen gerührt. Auch Lotti und Gustine haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Vielleicht weil ich auch eine Schwester habe und möglicherweise auch deshalb weil man sich immer fragt: was wäre wenn? Doch diese Frage ist mir in jeder Geschichte begegnet. Ich bin erleichtert, dass ich mir solche Fragen nur im Konjunktiv stellen muss. Daher ist es wichtig, dass über die Schrecken des Nationalsozialismus gesprochen, geschrieben, berichtet und gelernt wird, damit sie nie mehr fruchtbaren Boden finden können. Doch dieses Buch spricht nicht nur von diesen Schrecken, Schwächen und den negativen Seiten der Zivilisation, sondern es setzt ein Zeichen und zeigt auch, dass Frauen stark und mutig sind und wie stark der Zusammenhalt unter solchen Umständen auch sein kann und davon, dass die Hoffnung auf ein Leben nach Auschwitz-Birkenau unerschütterlich bleibt. Ich habe das Buch auf Italienisch gelesen und kann daher nicht sagen, wie gut die deutsche Übersetzung gelungen ist.

Ich kann die Lektüre dieses Buches nur empfehlen und lege sie allen ans Herz; egal ob Mann oder Frau, alt oder jung. Ich habe sie während der Weihnachtszeit gelesen. Diese Zeit gilt als Zeit der Besinnung und des Friedens, eine Zeit in der man sich Zeit für die Familie nehmen soll. Durch die Lektüre dieses Buches habe ich noch einmal gelernt, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich gesund bin, eine Familie habe, die gesund ist und dass ich vor allem frei bin und in Freiheit leben kann. Diese glücklichen Lebensumstände blieben den Frauen in Liana Millus Buch verwehrt. Ich bin der Autorin dankbar, dass sie mich daran erinnert hat, wie gut es uns heute eigentlich geht.

Die Autorin

Liana Millu ist 1914 in Pisa geboren. Ihre Mutter starb sehr früh und ihren Vater hat sie nicht sehr gut gekannt, weshalb sie bei ihren Großeltern aufwuchs. „Von ihrer jüdischen Herkunft hat sich Liana Millu nie distanziert, wohl aber von ihrem jüdischen Glauben“ (Jäger 2001). Liana Millu wurde von den 1928 erlassenen faschistischen Rassegesetzen getroffen: diese hatten zur Folge, dass jüdische Kinder nicht mehr zur Schule gehen durften und jüdische Lehrer nicht mehr unterrichten durften. Liana arbeitete seit 1936 als Grundschullehrerin in Volterra. Nach dem Erlass der Gesetze wurde sie dort entlassen. 1943 schloss sie sich in Genua der Resistenza an. 1944 wurde sie festgenommen und zunächst in ein venezianisches Frauengefängnis gebracht. Im April 1944 wurde sie in das zentrale Sammellager KZ-Fossoli bei Carpi (Modena) gebracht. Von dort ging es dann nach Auschwitz-Birkenau. In diesem Vernichtungslager blieb sie vom 1. Juni 1944 bis 15. Oktober 1944. Nach ihrem Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau wurde sie evakuiert und nach Malchow deportiert: «Doch erst im Mai ließen die Deutschen das Lager im Stich, und die Häftlinge konnten sich von einem Tag auf den anderen als ,frei‘ betrachten» (Jäger 2001). „Der Rauch über Birkenau“ erschien in Italien erstmals 1948. Liana Millu ist am 6. Februar 2005 in Genua gestorben (Jäger 2001).

Quellenangabe:

Jäger, Gudrun (2001): „Liana Millu. Jüdin, Partisanin, frühe Feministin“ Ein Vortrag von Dr. Gudrun Jäger im Rahmen eines Studientages Jüdischer Widerstand und Hilfe für Verfolgte am 24.11.2001 in Frankfurt/Main, unter: http://www.resistenza.de/index.php/frauen-der-resistenza/zeitzeuginnen/50-liana-millu-jdin-partisanin-frhe-feministin (abgerufen am 10.01.2016).

Weiterführende Links:
KZ-Gedenkstätte Dachau

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