[Rezension] Der Meister

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Titel: Der Meister
Autor: Herbert Rosendorfer (†)
Verlag: btb Verlag (Verlagsgruppe Randomhouse)
Seiten: 159
ISBN: 978-3-442-74767-0
Sprache: Deutsch
Preis: TB 8,99€
Erschienen: 2014 (Originalausgabe 2011)
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Nachruf Herbert Rosendorfer

Das Leder-Lesezeichen hat meine Mama gemacht und gehört ihr auch (ich hab es nur für das Foto ausgeliehen) 🙂

Noch nie hat mich ein Buch gleichzeitig so enttäuscht und überrascht zugleich, wie dieses hier. Warum enttäuscht? An sich hat mich eigentlich nur der Klappentext enttäuscht und nicht das Buch selbst. Das Buch trägt absolut keine Schuld an meiner Enttäuschung, sondern der Klappentext und die damit verbundenen falschen Erwartungen. Folgendermaßen wird „Der Meister“ von Herbert Rosendorfer zusammengefasst:

In einer Bar in Venedig erinnern sich zwei Freunde an ihr Studium und an einen Studenten, der wegen seiner Akribie »der Meister« genannt wurde. Um seinen Lebensunterhalt aufzubessern, schrieb er Artikel für ein Musiklexikon – und erfand dabei so manchen Komponisten hinzu, etwa Thremo Tofandor. Als jedoch eine Studentin über diesen zu forschen begann, geriet der Meister in Bedrängnis. Um nicht aufzufliegen, erfand er immer neue Details hinzu, komponierte sogar dessen Werke – bis ihm seine Erfindung zum Verhängnis wurde … Quelle

Was habe ich mir nun von diesem Buch erhofft? Ich möchte nach meinem Masterstudium, am besten schon währenddessen, im Bereich der Lexikographie (Wörterbücher etc.) arbeiten. Genau deswegen hat mich  das Buch angesprochen. Meine Gedanken dazu: „Super, eine Geschichte über jemanden, der Lexikoneinträge erfindet. Das muss ich lesen.“ Meiner Meinung nach hat der Klappentext ebendies suggeriert (sagt es bitte, falls ich mich irren sollte). Während der Lektüre wurde meine Geduld dann aber ziemlich auf die Probe gestellt: ich musste lange und viel lesen, was mich eigentlich gar nicht so wirklich interessiert hat (ich hab mit Musikwissenschaft eigentlich überhaupt nichts zu tun. Ich kann noch nicht mal die Tonleiter). Bis ich zu dem Punkt der Geschichte gekommen bin, der mich wirklich interessiert hat, wurden die bereits gelesenen Seiten immer mehr und die zu lesenden Seiten immer weniger. Das erste Mal, dass die Begebenheit um den erfundenen Thremo Tofandor angesprochen wurde, war irgendwo in der Mitte des Buches. Danach erstmal wieder viele Seiten nichts, bis dann auf den letzten 38 Seiten ENDLICH ausführlich über die sehnlichst erwartete Fälscherei und ihre Folgen erzählt wurde.

Aber worum geht es denn eigentlich in diesem Buch? Zwei Freunde, der Ich-Erzähler und Carlone, treffen sich nach vielen Jahrzehnten zufällig in Venedig. Bei einem gemeinsamen Essen kommen sie auf ihre gemeinsame Studienzeit zu sprechen. Sie erinnern sich an Erlebnisse und Begebenheiten rundum Studienkollegen und Professoren. Zum Beispiel erinnern sie sich an die schöne Helene Romberg, an den Professor Goblitz (der Musik lieber liest als sie zu hören), an den Gastdozenten Professor Amtobel (der ehrliche Schürzenjäger), an den Göttlichen Giselher (der über alles redet ohne wirklich Ahnung zu haben), an Emma Raimer und überall taucht der Meister auf. Es ist also viel mehr ein Sammelsurium an Erinnerungen, die eins gemeinsam haben: die Musikwissenschaft und den Meister. All diese Erzählungen gipfeln und sind auf eine bestimmte Art und Weise mit dem vom Klappentext angekündigten Betrug verbunden, das ist mir sehr wohl klar. Aber trotzdem fühle ich mich vom Klappentext betrogen, und weil das Buch dafür nichts kann, möchte ich jetzt trotzdem noch eine allgemeine Stellungnahme zum Buch und der Geschichte abgeben und erklären warum mich das Buch trotzdem (positiv) überrascht und es mir trotzdem gefallen hat.

Ganz einfach, all meinem Unmut zum Trotz, hat mich das Buch sehr oft zum Schmunzeln gebracht. Herbert Rosendorfer garniert seinen Text mit wunderbar subtilen Humor, dass man einfach nicht anders kann (die Seiten sind gespickt mit Post-its, mit denen ich mir besonders amüsante Textstellen markiert habe). Er gestaltet das Erinnerungs-Sammelsurium auf derart unterhaltsame Art und Weise, dass meine Enttäuschung und Unlust irgendwann wie weggeblasen waren und mir die Lektüre doch Spaß gemacht hat. Wenn ein Buch mich derart bei Laune halten kann, ist es, meiner Meinung nach, ein großes Stück Literatur. Und auch, dass die Begebenheiten um den Meister und um den erfundenen Komponisten Thremo Tofandor, auf die ich mich am meisten gefreut habe, in einem kleinen mysteriösen Kriminalfall endeten, hätte ich nicht gedacht. Bravo! Ich denke, wenn man mit dem Wissen daran geht, dass es hier nicht nur um Thremo Tofandor geht, ist es ein wundervolles Buch, das sich lohnt gelesen zu werden. Und rückblickend war es ganz amüsant zu lesen, wie die Musikwissenschaft auf die Schippe genommen wird und, dass auch ihre Anhänger (Studenten, Professoren etc) komische Vögel, also ganz normale Menschen sind, denen man in jeder wissenschaftlichen Disziplin und im Leben begegnet.

Fazit: Wunderbares Buch, das mit viel Humor aus dem Leben erzählt. Nur der Klappentext ist ein bisschen (sehr) irreführend.

Lieblingszitat
Dieses Bild habe ich Ende September 2015 in Venedig geschossen. Ich habe einen Tagesausflug dorthin gemacht nachdem ich meine Bachelorarbeit abgegeben hatte (von Florenz aus, wo ich studiert habe, lässt sich Venedig ganz bequem mit dem Zug erreichen). Ein Tag war viel zu kurz für eine so besondere Stadt wie Venedig, mit ihren kleinen Gassen und großen Geheimnissen. Ich hoffe eines Tages dorthin zurückzukehren.

An alle scharfsinnigen Beobachter: welche (zufällige) Gemeinsamkeit haben das Buchcover und dieses Bild? Wenn ihr die Antwort wisst, schreibt es in die Kommentare ↓

dermeistervenedig

Anmerkung: Das Foto habe ich gemacht, als ich noch nicht mal mit dem Gedanken gespielt habe, eventuell einen Bücherblog ins Leben zu rufen, geschweige denn dieses Buch zu lesen. Von daher ist es ein schöner Zufall diesen Schnappschuss gemacht zu haben und ihn jetzt nutzen zu können!

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Ein Gedanke zu “[Rezension] Der Meister

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