Buchbänke – Bookbenches in Istanbul

Meine Zeit in Istanbul ist vorbei und mein Fazit: die Stadt ist riesig, mit kleinen und großen Wundern. Ein Wunder möchte ich mit euch teilen, und zwar die Buchbänke, die in der ganzen Stadt verteilt stehen. Die Bänke sind gestaltet wie aufgeschlagene Bücher.

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 Diese zwei Bänke habe ich an der Tram-Haltestelle Eminönü entdeckt. Also falls ihr mal in Istanbul sein solltet, merkt euch das. In Eminönü stehen auf jeden Fall diese zwei Bänke. Aber was hat es eigentlich mit diesen Bänken auf sich? Ich habe ein bisschen recherchiert und diese Bänke wurden von der Stadt aufgestellt, um die Bevölkerung zum Lesen zu animieren. Tolle, originelle Aktion, muss ich ehrlich sagen.

Auf jeder Bank ist ein Gedicht von einem berühmten türkischen Poeten abgedruckt. Auf der Bank ganz links im Bild ist es das Gedicht „Memleketimi Seviyorum“ von Nazim Hikmet und auf der ganz rechts ist es „Ben Sana Mecburum“ von Attila Ýlhan oder auch Ilhan.

Nazim Hikmet, geboren am 15. Januar 1902 war zu Lebzeiten einer der bekanntesten türkischen Dichter Welt. In seinem Heimatland hatte er es allerdings schwer, weil er zum einen ein Anhänger des Marxismus war und zum anderen äußerte er sich in seinen Werken oft sozialkritisch. Außerdem sprach er sich gegen die Massaker in Armenien, der Jahre 1915 und 1922, aus. In den 1930ern revolutionierte er die türkische Dichtung: er führte eine offene Form der Dichtung ein (ohne Metrum, Reime oder musikalischen Muster) und außerdem eine umgangssprachliche Ausdrucksweise. Nazim Hikmet verbrachte viel Zeit im Gefängnis und im Exil. Man entzog ihm sogar die Staatsbürgerschaft und 1959 wurde er als Verräter verurteilt. Seine Werke wurden in der Zeit von 1938 bis 1965 in der Türkei nicht verkauft oder veröffentlicht. Nazim Hikmet starb im Exil in Moskau am 27. April 1953.¹ Das Gedicht, das auf der Bank abgedruckt ist, „Memleketimi Seviyorum“, bedeutet wohl übersetzt „Ich liebe meine Heimatstadt“ (oder auch „Ich liebe mein Heimatland“). Im Jahr 2009 erhielt er, posthum, seine türkische Staatsbürgerschaft zurück.² Hier geht es zum Gedicht

Attila Ýlhan, geboren am 15. Juni 1925 in der Provinz von Izmir, gestorben am 11. Oktober 2005 in Istanbul, war ein türkischer Dichter, Autor, Essayist, Journalist und Rezensent bzw. Kritiker. Online, weil ich keine Bibliothek zur Verfügung habe, konnte ich folgende englische Titel für das Gedicht „Ben Sana Mecburum“ finden: „You are indispensable“, „You are a must for me“, „I need you“ (Wikipedia), „I’m bound to you“ oder „I’m compelled to you“. All diese Titel haben eins gemeinsam und zwar drücken sie eine starke Verbundenheit und Sehnsucht aus. Attila Ýlhan lag, genau wie Nazim Hikmet, wenn auch nicht so arg, in Klinsch mit der Autorität; mit 16 schickte er einem Mädchen, in das er verliebt gewesen war, ein Gedicht von Nazim Hikmet. Daraufhin wurde er festgenommen und unter Arrest gestellt. Er kam frei, konnte seine schulische Laufbahn aber zunächst nicht fortsetzen. Bis er dann 1942 seinen Abschluss machte und begann in Istanbul Jura zu studieren, was er dann aber abbrach. Er lebte abwechselnd in Paris, wo er die Freilassung von Nazim Hikmet unterstützte, in Izmir und in Istanbul.³ Hier geht es zum Gedicht und einer englischen Übersetzung.

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Ich weiß nicht, ob die Bänke der beiden Dichter absichtlich nebeneinander positioniert worden sind, um ihre Verbundenheit auszudrücken, oder ob es sich nur um einen Zufall handelt. Selbst wenn es nicht mit Absicht geschehen ist, finde ich, dass es ein schöner Zufall ist. Außerdem ist es eine tolle Idee die literarischen Größen eines Landes auf dieser Art und Weise zu ehren und die Bevölkerung im Alltag an sie zu erinnern. Auch als Touristin, Buchbloggerin und ehemalige Studentin der der deutschen und italienischen Literaturwissenschaft habe ich mich mit diesen Dichtern auseinandergesetzt und weiß jetzt mehr über die türkische Literatur (vorher wusste ich nämlich gar nicht darüber Bescheid). Eine Hommage, die ihren Zweck erfüllt hat, denke ich. Hier auch nochmal eine Seitenansicht.

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Und das bin ich. Da habe ich es mir auf einer der Bänke bequem gemacht. Leider ohne Buch 🙂

Die Bank sieht wirklich aus, wie ein aufgeschlagenes Buch. Toll. Sowas würde ich mir auch ins Wohnzimmer stellen, vielleicht nicht unbedingt aus Plastik, sondern aus Holz und mit einem weichen Polster 😀 Aber für die Wartezeit an einer Haltestelle vollkommen ausreichend!!

Quellen
¹ A new Nazim Hikmet documentary – MokumTV
² Nazim Hikmet wird Türke – Eckhard Fuhr; in: Die Welt vom 07.01.2009
³ Biography of Attila İlhan – Poemhunter.com

Was ist mit euch… wart ihr schonmal in Istanbul und sind euch bei eurem Besuch diese Bänke aufgefallen? Wisst ihr vielleicht noch, wo ihr sie gesehen habt? Oder kennt ihr andere Städte, die so ähnliche Sehenswürdigkeiten/ Schmuckstücke haben? Würde mich ja interessieren! 🙂

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